In der heutigen digitalen Ära wird der persönliche Nachlass immer komplexer. Neben physischen Vermögensgegenständen und wertvollen Dokumenten müssen Erblasser und ihre Angehörigen zunehmend auch den digitalen Nachlass regeln. Was passiert mit unseren E-Mail-Konten, Social-Media-Profilen und Online-Banking-Zugängen, wenn wir einmal nicht mehr sind? Dieser Artikel behandelt die wichtigsten rechtlichen und praktischen Aspekte der digitalen Nachlassverwaltung, um Ihnen eine umfassende Orientierung zu bieten.

Was versteht man unter digitalem Nachlass?

Unter digitalem Nachlass versteht man alle digitalen Daten und Konten, die eine Person hinterlassen hat. Dazu gehören unter anderem:

  • E-Mail-Konten
  • Social-Media-Profile (z.B. Facebook, Instagram, Twitter)
  • Online-Banking-Konten
  • Cloud-Speicher und Online-Datenbanken
  • Digitale Abonnements und Mitgliedschaften
  • Digitale Medien (z.B. E-Books, Musikdateien, Filme)
  • Online-Shopping-Konten (z.B. Amazon, eBay)

Rechtslage zum digitalen Nachlass in Deutschland

In Deutschland fehlt es bislang an umfassenden gesetzlichen Regelungen zum digitalen Nachlass. Das führt dazu, dass die Rechtsprechung maßgeblich von Gerichtsurteilen abhängt. Ein bedeutender Fall war das Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) vom 12. Juli 2018 (Az.: III ZR 183/17), in dem entschieden wurde, dass digitale Inhalte genauso vererbbar sind wie physische. Dies bedeutet, dass Erben grundsätzlich Zugang zu digitalen Konten und Inhalten des Erblassers erhalten sollten.

Darüber hinaus bieten wichtige Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) Orientierung, etwa:

  • § 1922 BGB: Gesamtrechtsnachfolge, nach welchem alle Rechte und Pflichten des Verstorbenen auf die Erben übergehen.
  • § 2040 BGB: Verwaltung des Nachlasses durch die Erben.

Wichtige Schritte zur Regelung des digitalen Nachlasses

Für Erblasser ist es ratsam, den digitalen Nachlass frühzeitig in die Nachlassregelung aufzunehmen. Die folgenden Schritte bieten eine Grundlage dafür:

1. Inventar des digitalen Nachlasses erstellen

Erstellen Sie eine Liste aller digitalen Konten, Mitgliedschaften und Subskriptionen. Diese Liste sollte Zugangsdaten sowie Hinweise zum jeweiligen Anbieter enthalten.

2. Zugangsdaten sicher aufbewahren

Bewahren Sie Zugangsdaten an einem sicheren Ort auf, der für Ihre Erben zugänglich ist. Dies kann ein Tresor sein oder ein spezieller Passwort-Manager, der eine Notfallzugriffsfunktion bietet.

3. Verfügungen zum digitalen Nachlass im Testament festlegen

Nehmen Sie konkrete Verfügungen über den digitalen Nachlass in Ihr Testament auf. Dabei sollten Sie darauf achten, dass diese Verfügungen präzise und eindeutig sind, um Missverständnisse zu vermeiden.

4. Nutzung der Dienste von Online-Dienstleistern regeln

Berücksichtigen Sie die Nutzungsbedingungen der jeweiligen Online-Dienstleister. Viele Dienste bieten spezielle Regelungen für den Todesfall des Nutzers, wie etwa die Möglichkeit, Konten in einen Gedenkzustand zu versetzen oder sie komplett zu löschen.

Beispielhafte Verfügungen im Testament

Um Missverständnisse und rechtliche Probleme zu vermeiden, können Sie konkrete Verfügungen im Testament festlegen. Hier einige Beispiele:

  • „Mein E-Mail-Konto bei [Anbieter] soll nach meinem Tod durch meinen Erben [Name des Erben] gelöscht werden.“
  • „Mein Facebook-Profil soll in den Gedenkzustand versetzt werden.“
  • „Alle meine digitalen Medien (z.B. E-Books, Musikdateien) sollen an [Name des Erben] übergehen.“

Umgang mit Social-Media-Accounts

Besondere Aufmerksamkeit bei der digitalen Nachlassverwaltung verdienen Social-Media-Accounts. Die meisten Anbieter haben spezielle Regelungen zum Umgang mit Konten im Todesfall. Hier einige Beispiele:

  • Facebook: Facebook bietet die Möglichkeit, das Konto eines Verstorbenen in einen Gedenkzustand zu versetzen oder es komplett löschen zu lassen.
  • Instagram: Auch Instagram bietet die Möglichkeit, das Konto in einen Gedenkzustand zu versetzen oder es zu löschen.
  • Twitter: Bei Twitter können Angehörige die Deaktivierung eines Kontos beantragen, wenn ein Todesfall nachgewiesen wird.

Rechtliche Fallstricke und Herausforderungen

Die digitale Nachlassverwaltung birgt einige rechtliche Herausforderungen. Zu den häufigsten Fallstricken gehören:

  • Datenschutz: Der Zugang zu digitalen Konten kann datenschutzrechtliche Probleme aufwerfen, insbesondere wenn keine ausdrückliche Erlaubnis des Erblassers vorliegt.
  • Zugangsrechte: Ohne klare Regelungen kann der Zugang zu digitalen Konten erschwert sein, da viele Anbieter aus Datenschutzgründen keinen Zugang ohne gerichtlichen Beschluss gewähren.
  • Lizenzrechte: Bei digitalen Medien wie E-Books oder Musikdateien kann es zu Lizenzproblemen kommen, da diese oft nur für den ursprünglichen Käufer lizenziert sind.

Checkliste für Erblasser zur digitalen Nachlassverwaltung

Um die digitale Nachlassverwaltung zu erleichtern, können Erblasser die folgende Checkliste verwenden:

  • Erstellung eines Inventars aller digitalen Konten und Daten.
  • Sichere Aufbewahrung der Zugangsdaten.
  • Festlegung konkreter Verfügungen im Testament.
  • Berücksichtigung der Nutzungsbedingungen der Online-Dienstleister.
  • Regelung des Umgangs mit Social-Media-Accounts.
  • Einholung rechtlicher Beratung bei Unsicherheiten.

FAQ zur digitalen Nachlassverwaltung

Was gehört zum digitalen Nachlass?

Zum digitalen Nachlass gehören alle digitalen Daten und Konten, die eine Person hinterlässt, beispielsweise E-Mail-Konten, Social-Media-Profile und Online-Banking-Zugänge.

Wie können Erben auf digitale Konten zugreifen?

Erben können auf digitale Konten zugreifen, indem sie die Zugangsdaten nutzen, die der Erblasser hinterlassen hat, oder bei den jeweiligen Anbietern den Zugang beantragen.

Wie kann ich meinen digitalen Nachlass regeln?

Sie können Ihren digitalen Nachlass regeln, indem Sie ein Inventar Ihrer digitalen Konten erstellen, Zugangsdaten sicher aufbewahren und konkrete Verfügungen im Testament festlegen.

Welche rechtlichen Herausforderungen gibt es bei der digitalen Nachlassverwaltung?

Zu den rechtlichen Herausforderungen gehören Datenschutzfragen, Zugangsrechte und Lizenzprobleme bei digitalen Medien.

Was passiert mit meinen Social-Media-Accounts nach meinem Tod?

Je nach Anbieter können Social-Media-Accounts in einen Gedenkzustand versetzt oder gelöscht werden. Es empfiehlt sich, dies im Testament festzulegen.

Anonymisierte Fallstudien zur digitalen Nachlassverwaltung

Fallstudie 1: Der vergessene E-Mail-Account

Ein Erbe stand vor dem Problem, dass der verstorbene Vater mehrere wichtige Informationen in einem E-Mail-Account gespeichert hatte, dessen Zugangsdaten nicht bekannt waren. Durch rechtlichen Beistand konnte beim Anbieter ein gerichtlicher Beschluss erwirkt werden, der den Zugang ermöglichte.

Fallstudie 2: Social-Media-Konto im Gedenkzustand

Eine Tochter wollte das Facebook-Profil ihrer verstorbenen Mutter in einen Gedenkzustand versetzen. Da kein Zugang vorlag, konnte dies jedoch erst nach längeren Verhandlungen und einem Nachweis des Todesfalles erreicht werden.

Fazit und Ausblick

Die digitale Nachlassverwaltung ist ein komplexes und zunehmend wichtiges Thema. Erblasser sollten sich frühzeitig mit den möglichen Herausforderungen auseinandersetzen und konkrete Regelungen treffen, um ihren Erben Unannehmlichkeiten zu ersparen. Von der Erstellung eines Inventars bis hin zu rechtlichen Verfügungen im Testament bietet dieser Leitfaden einen umfassenden Einblick in die digitale Nachlassverwaltung.

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