In diesem umfassenden Blog-Beitrag werden wir uns eingehend mit dem Thema der positiven Vertragsverletzung, den damit verbundenen Rechtsfolgen und der Haftung befassen. Als erfahrener Rechtsanwalt werde ich Sie durch die rechtlichen Grundlagen, Beispiele, Gesetze, aktuelle Gerichtsurteile und häufig gestellte Fragen führen, um Ihnen ein umfassendes Verständnis dieses wichtigen Rechtsbereichs zu vermitteln.

Gliederung

  1. Definition: Positive Vertragsverletzung
  2. Rechtsgrundlagen und gesetzliche Regelungen
  3. Rechtsfolgen der positiven Vertragsverletzung
  4. Haftung und Schadensersatzansprüche
  5. Aktuelle Gerichtsurteile als Beispiele
  6. FAQs zur positiven Vertragsverletzung
  7. Positive Vertragsverletzung und der Ausblick

Definition: Positive Vertragsverletzung

Die positive Vertragsverletzung (PVV) ist ein Rechtsbegriff, der in der deutschen Rechtsprechung verwendet wird, um eine Verletzung von vertraglichen Pflichten zu beschreiben, die nicht in einer Nichterfüllung des Vertrags besteht. Eine PVV kann sowohl in einer mangelhaften Leistung als auch in einer Verletzung von Nebenpflichten liegen.

Beispiele für positive Vertragsverletzungen sind:

  • Fehlerhafte Lieferung eines Produkts
  • Nichteinhaltung von vertraglichen Informations- oder Beratungspflichten
  • Verletzung von vertraglichen Rücksichtnahmepflichten

Rechtsgrundlagen und gesetzliche Regelungen

Die positiven Vertragsverletzungen sind in verschiedenen Gesetzen und Vorschriften geregelt. Im Folgenden sind die wichtigsten rechtlichen Grundlagen aufgeführt:

  • § 280 Abs. 1 BGB: Schadensersatzanspruch des Gläubigers bei Pflichtverletzung
  • § 281 BGB: Schadensersatz statt der Leistung bei Nicht- oder Schlechtleistung
  • § 282 BGB: Schadensersatz statt der Leistung bei Verletzung einer Rücksichtnahmepflicht
  • § 241 Abs. 2 BGB: Verpflichtung zur Rücksichtnahme auf die Rechte, Rechtsgüter und Interessen des anderen Teils
  • § 311 Abs. 2 BGB: Verpflichtung zur Rücksichtnahme bei Anbahnung eines Vertragsverhältnisses

Daneben kann die Haftung für positive Vertragsverletzungen auch aus anderen gesetzlichen Regelungen, wie beispielsweise aus dem Handelsrecht oder dem Werkvertragsrecht, resultieren.

Rechtsfolgen der positiven Vertragsverletzung

Die Rechtsfolgen einer positiven Vertragsverletzung können vielfältig sein. Im Folgenden werden die wichtigsten Rechtsfolgen dargestellt:

Nacherfüllung: Gemäß § 439 BGB kann der Gläubiger bei einer mangelhaften Leistung die Nacherfüllung verlangen, d. h. die Beseitigung des Mangels oder die Lieferung einer mangelfreien Sache.

Rücktritt vom Vertrag: Wenn die Nacherfüllung fehlschlägt oder der Schuldner sie verweigert, kann der Gläubiger gemäß § 323 BGB vom Vertrag zurücktreten. Dabei ist zu beachten, dass ein Rücktritt nur bei erheblichen Pflichtverletzungen möglich ist.

Minderung des Kaufpreises: Anstelle des Rücktritts kann der Gläubiger bei einer mangelhaften Leistung gemäß § 441 BGB den Kaufpreis mindern, d. h. den Preis herabsetzen.

Schadensersatz: Der Gläubiger kann gemäß § 280 Abs. 1 BGB Schadensersatz verlangen, wenn der Schuldner die Pflichtverletzung zu vertreten hat. Dabei kann der Gläubiger entweder Schadensersatz neben der Leistung (z. B. bei Verletzung von Nebenpflichten) oder Schadensersatz statt der Leistung (bei Nicht- oder Schlechtleistung) verlangen.

Verzug: Bei einer positiven Vertragsverletzung kann der Schuldner gemäß § 286 BGB in Verzug geraten, wenn er die geschuldete Leistung nicht oder nicht rechtzeitig erbringt. In diesem Fall kann der Gläubiger neben Schadensersatz auch Verzugszinsen verlangen.

Haftung und Schadensersatzansprüche

Die Haftung für eine positive Vertragsverletzung richtet sich in erster Linie nach den Regelungen des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB). Dabei ist zu beachten, dass der Schuldner die Pflichtverletzung verschuldet haben muss, um schadensersatzpflichtig zu sein. Das Verschulden kann in Vorsatz oder Fahrlässigkeit bestehen (§ 276 BGB).

Eine besondere Haftung besteht bei der Verletzung von Kardinalpflichten, also von solchen Pflichten, die für die Erfüllung des Vertragszwecks wesentlich sind. Bei der Verletzung von Kardinalpflichten ist die Haftung des Schuldners grundsätzlich beschränkt auf den Ersatz des vertragstypischen, vorhersehbaren Schadens. Eine Haftung für mittelbare Schäden oder entgangenen Gewinn ist in der Regel ausgeschlossen, es sei denn, es liegt ein besonders schwerwiegendes Verschulden des Schuldners vor.

Die Haftung kann jedoch vertraglich modifiziert oder ausgeschlossen werden, etwa durch Haftungsausschlüsse oder Haftungsbeschränkungen in Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB). Dabei sind jedoch die gesetzlichen Grenzen, insbesondere die Regelungen des § 307 BGB zu beachten, wonach eine unangemessene Benachteiligung des Vertragspartners unzulässig ist.

Aktuelle Gerichtsurteile als Beispiele

Im Folgenden werden einige aktuelle Gerichtsurteile dargestellt, die die Rechtsprechung zur positiven Vertragsverletzung veranschaulichen:

  • Bundesgerichtshof (BGH), Urteil vom 18. Januar 2017 – VIII ZR 68/16: In diesem Fall ging es um die Frage, ob die Lieferung eines Fahrzeugs mit einem manipulierten Abgassystem eine positive Vertragsverletzung darstellt. Der BGH hat entschieden, dass ein solcher Sachmangel vorliegt und der Käufer daher zum Rücktritt berechtigt ist.
  • Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf, Urteil vom 13. September 2016 – I-24 U 31/16: Hierbei handelte es sich um die Frage, ob ein Architekt haftet, wenn er falsche Angaben zur Wohnfläche eines Objekts macht. Das OLG Düsseldorf hat entschieden, dass ein Architekt bei der Verletzung seiner Beratungspflicht haftet und dem Auftraggeber Schadensersatz leisten muss.
  • Landgericht (LG) Frankfurt am Main, Urteil vom 16. Dezember 2019 – 2-03 O 329/18: In diesem Fall verlangte ein Käufer Schadensersatz wegen einer positiven Vertragsverletzung, da der Verkäufer eines Grundstücks nicht auf das Vorhandensein von unterirdischen Altlasten hingewiesen hatte. Das LG Frankfurt am Main hat dem Käufer Schadensersatz zugesprochen, da der Verkäufer seine Informationspflicht verletzt hatte.

FAQs zur positiven Vertragsverletzung

Was ist der Unterschied zwischen einer positiven Vertragsverletzung und einer Nichterfüllung?

Während eine positive Vertragsverletzung eine fehlerhafte oder mangelhafte Erfüllung des Vertrags darstellt, liegt bei einer Nichterfüllung überhaupt keine Erfüllung der vertraglichen Pflichten vor. Bei einer Nichterfüllung kann der Gläubiger unter Umständen ebenfalls Schadensersatz verlangen, allerdings gelten hierfür andere gesetzliche Regelungen (z. B. §§ 326, 346 BGB).

Welche Fristen gelten für Schadensersatzansprüche bei positiver Vertragsverletzung?

Die Verjährungsfrist für Schadensersatzansprüche aufgrund einer positiven Vertragsverletzung beträgt gemäß § 195 BGB grundsätzlich drei Jahre. Die Frist beginnt mit dem Schluss des Jahres, in dem der Anspruch entstanden ist und der Gläubiger von den anspruchsbegründenden Umständen und der Person des Schuldners Kenntnis erlangt hat oder ohne grobe Fahrlässigkeit erlangen müsste (§ 199 Abs. 1 BGB).

Kann eine positive Vertragsverletzung auch bei Vertragsverhandlungen vorliegen?

Ja, bereits bei der Anbahnung eines Vertragsverhältnisses können Pflichtverletzungen auftreten, die als positive Vertragsverletzung gewertet werden können. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn eine Partei ihre Informations- oder Aufklärungspflichten verletzt und dadurch beim Vertragspartner einen Schaden verursacht (§ 311 Abs. 2 BGB).

Kann eine positive Vertragsverletzung auch bei einem Arbeitsvertrag vorliegen?

Auch im Arbeitsrecht können positive Vertragsverletzungen auftreten, beispielsweise wenn der Arbeitgeber seine Fürsorgepflichten verletzt oder der Arbeitnehmer seine Arbeitspflichten nicht ordnungsgemäß erfüllt. Die Rechtsfolgen können in solchen Fällen unter Umständen Schadensersatzansprüche, Abmahnungen oder sogar eine Kündigung sein.

Positive Vertragsverletzung und der Ausblick

Die positive Vertragsverletzung ist ein wichtiger Rechtsbegriff, der sowohl für Verbraucher als auch für Unternehmen von großer Bedeutung ist. Die Rechtsfolgen einer positiven Vertragsverletzung können vielfältig sein und von Nacherfüllung über Rücktritt, Minderung bis hin zu Schadensersatz reichen. Die Haftung für eine positive Vertragsverletzung ist grundsätzlich an ein Verschulden des Schuldners geknüpft und kann vertraglich modifiziert oder ausgeschlossen werden.

Um rechtliche Auseinandersetzungen und finanzielle Verluste zu vermeiden, ist es ratsam, sich im Falle einer positiven Vertragsverletzung anwaltlichen Rat einzuholen. Ein erfahrener Rechtsanwalt kann die Sachlage prüfen, die Erfolgsaussichten einer Klage einschätzen und bei Bedarf außergerichtliche oder gerichtliche Schritte einleiten.

In Zukunft könnte sich die Rechtsprechung zur positiven Vertragsverletzung weiterentwickeln, insbesondere im Hinblick auf neue Technologien und Geschäftsmodelle. Daher ist es wichtig, stets auf dem Laufenden zu bleiben und sich über aktuelle Entwicklungen im Bereich der positiven Vertragsverletzung zu informieren.

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