Ein Wildunfall ist nicht nur ein unangenehmes Erlebnis, sondern kann auch rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. In diesem umfangreichen Blog-Beitrag informieren wir Sie umfassend über alle rechtlichen Aspekte rund um das Thema Wildunfall. Dabei gehen wir auf die gesetzlichen Grundlagen, aktuelle Gerichtsurteile, Versicherungsfragen und Verhaltensregeln ein. Als erfahrener Rechtsanwalt im Zivilrecht stehe ich Ihnen gerne zur Seite, um Sie in dieser Angelegenheit bestmöglich zu unterstützen.

Inhaltsverzeichnis

Gesetzliche Grundlagen

Um die rechtlichen Aspekte eines Wildunfalls zu verstehen, müssen Sie zunächst die gesetzlichen Grundlagen kennen. Die wichtigsten Gesetze, die bei Wildunfällen zur Anwendung kommen, sind:

  • § 34 Bundesjagdgesetz (BJagdG) – Wildschadensersatz
  • § 63 Landesjagdgesetz (LJG) – Ersatzpflicht des Jagdausübungsberechtigten
  • § 823 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) – Schadensersatzpflicht

§ 34 Bundesjagdgesetz (BJagdG) – Wildschadensersatz

Das Bundesjagdgesetz regelt unter anderem die Schadensersatzpflicht bei Wildschäden. In § 34 BJagdG heißt es:

„Der Jagdausübungsberechtigte hat den durch Wild an Grundstücken, Erzeugnissen des Grundstücks und an Gegenständen, die auf dem Grundstück der Ausübung der Jagd dienen, verursachten Schaden zu ersetzen.“

Dies bedeutet, dass derjenige, der die Jagd auf einem bestimmten Gebiet ausüben darf, grundsätzlich auch für die durch Wild verursachten Schäden haftet. Dies betrifft jedoch nur Schäden, die durch wildlebende Tiere entstehen, die dem Jagdrecht unterliegen.

§ 63 Landesjagdgesetz (LJG) – Ersatzpflicht des Jagdausübungsberechtigten

Die einzelnen Bundesländer haben eigene Landesjagdgesetze, die ergänzende Regelungen zur Schadensersatzpflicht enthalten. So regelt beispielsweise § 63 LJG:

„Der Jagdausübungsberechtigte hat den durch Wild an Grundstücken, Erzeugnissen des Grundstücks und an Gegenständen, die auf dem Grundstück der Ausübung der Jagd dienen, verursachten Schaden zu ersetzen.“

Die Regelungen in den Landesjagdgesetzen sind jedoch unterschiedlich, weshalb es sinnvoll ist, sich in jedem Einzelfall über die geltenden Bestimmungen zu informieren.

§ 823 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) – Schadensersatzpflicht

Die Schadensersatzpflicht bei Wildunfällen ergibt sich nicht nur aus dem Jagdrecht, sondern auch aus dem allgemeinen Schadensersatzrecht des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB). Gemäß § 823 BGB ist derjenige zum Schadensersatz verpflichtet, der vorsätzlich oder fahrlässig das Leben, den Körper, die Gesundheit, die Freiheit, das Eigentum oder ein sonstiges Recht eines anderen widerrechtlich verletzt. Bei Wildunfällen kann dies beispielsweise der Fahrer sein, der nicht angemessen auf die Wildwechsel-Situation reagiert hat.

Aktuelle Gerichtsurteile

Im Folgenden stellen wir Ihnen einige aktuelle Gerichtsurteile zum Thema Wildunfall vor, die einen Einblick in die Rechtsprechung geben und als Orientierung für eigene Fälle dienen können.

Wildunfall ohne Kollision – Haftung des Jagdpächters

Ein Wildunfall liegt nicht nur dann vor, wenn ein Fahrzeug tatsächlich mit einem Wildtier kollidiert. Auch wenn ein Autofahrer einem plötzlich auftauchenden Wildtier ausweicht und dadurch einen Unfall verursacht, kann dies als Wildunfall gewertet werden. In einem solchen Fall hat das Landgericht Coburg (Urteil vom 17.07.2017, Az. 22 O 356/16) entschieden, dass der Jagdpächter für den entstandenen Schaden haftet.

Wildunfall durch unzureichende Wildschutzzäune

Ein weiteres interessantes Urteil stammt vom Oberlandesgericht Hamm (Urteil vom 16.06.2017, Az. 11 U 173/16). In diesem Fall war ein Autofahrer auf einer Autobahn unterwegs, als plötzlich ein Wildschwein die Fahrbahn betrat und es zur Kollision kam. Das Gericht entschied, dass die zuständige Straßenbaubehörde für den entstandenen Schaden haftet, da sie ihrer Verkehrssicherungspflicht nicht nachgekommen war. Die Behörde hätte entweder einen ausreichenden Wildschutzzaun errichten oder zumindest vor der Gefahr durch Wildwechsel warnen müssen.

Wildunfall bei überhöhter Geschwindigkeit

Bei einem Wildunfall kann auch die Geschwindigkeit des Fahrzeugs eine Rolle spielen. In einem Urteil des Amtsgerichts Potsdam (Urteil vom 12.06.2015, Az. 31 C 34/14) wurde einem Autofahrer eine Mitschuld an einem Wildunfall zugesprochen, da er trotz Dunkelheit und Wildwechselgefahr mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs war. Das Gericht wies darauf hin, dass der Fahrer bei angepasster Geschwindigkeit möglicherweise rechtzeitig hätte reagieren können.

Teilnahme am Straßenverkehr trotz Wildunfallgefahr

In einem Urteil des Landgerichts Trier (Urteil vom 09.11.2011, Az. 1 S 4/11) wurde die Klage eines Autofahrers abgewiesen, der nach einem Wildunfall Schadensersatz vom Jagdpächter verlangte. Das Gericht argumentierte, dass der Autofahrer durch die Teilnahme am Straßenverkehr in einer Gegend mit erhöhter Wildunfallgefahr das Risiko eines Wildunfalls selbst mit getragen habe. Eine Haftung des Jagdpächters wurde in diesem Fall abgelehnt.

Versicherungsfragen

Bei einem Wildunfall ist es wichtig, die Versicherungsfragen zu klären. Je nachdem, welche Versicherung abgeschlossen wurde, können unterschiedliche Leistungen in Anspruch genommen werden.

Kfz-Haftpflichtversicherung

Die Kfz-Haftpflichtversicherung ist in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben und deckt Schäden ab, die durch das eigene Fahrzeug an anderen Verkehrsteilnehmern oder deren Eigentum verursacht werden. Bei einem Wildunfall kommt die Kfz-Haftpflichtversicherung jedoch in der Regel nicht für die Schäden am eigenen Fahrzeug auf.

Teilkaskoversicherung

Die Teilkaskoversicherung ist eine freiwillige Zusatzversicherung, die unter anderem Wildunfallschäden am eigenen Fahrzeug abdeckt. Dabei ist zu beachten, dass die Teilkaskoversicherung in der Regel nur Schäden durch einen Zusammenstoß mit Haarwild (z. B. Rehe, Hirsche oder Wildschweine) übernimmt. Schäden durch Federwild (z. B. Fasane oder Enten) oder durch das Ausweichen vor einem Wildtier werden meist nur dann erstattet, wenn der Versicherungsvertrag dies ausdrücklich vorsieht.

Vollkaskoversicherung

Die Vollkaskoversicherung ist die umfassendste Kfz-Versicherung und deckt neben Wildunfallschäden auch Schäden durch Vandalismus, Unfälle oder Diebstahl ab. Im Gegensatz zur Teilkaskoversicherung sind bei der Vollkaskoversicherung in der Regel auch Schäden durch das Ausweichen vor Wildtieren oder durch Zusammenstöße mit Federwild abgedeckt.

Meldung des Wildunfalls an die Versicherung

Nach einem Wildunfall sollten Sie umgehend Ihre Versicherung informieren und den Schaden melden. Dabei ist es wichtig, alle relevanten Informationen und Unterlagen bereitzuhalten, wie beispielsweise die Polizeiunfallmeldung, Fotos vom Unfallort und vom beschädigten Fahrzeug sowie gegebenenfalls Zeugenaussagen.

Verhaltensregeln

Um bei einem Wildunfall rechtlich abgesichert zu sein und mögliche Schäden bestmöglich abzuwickeln, sollten Sie die folgenden Verhaltensregeln beachten:

  1. Bleiben Sie ruhig und besonnen: Ein Wildunfall ist ein unangenehmes Erlebnis, aber es ist wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Situation richtig einzuschätzen.
  2. Absichern des Unfallorts: Stellen Sie Ihr Fahrzeug abseits der Fahrbahn ab und sichern Sie den Unfallort mit einem Warndreieck ab. Schalten Sie die Warnblinkanlage ein und ziehen Sie eine Warnweste an.
  3. Polizei rufen: Rufen Sie die Polizei, um den Wildunfall zu melden. Die Beamten werden den Unfall aufnehmen und gegebenenfalls den zuständigen Jagdpächter verständigen.
  4. Fotos machen: Fotografieren Sie den Unfallort, das beschädigte Fahrzeug und das beteiligte Wildtier, um einen umfassenden Beweis für den Unfallhergang zu haben.
  5. Wildtier nicht anfassen: Fassen Sie das Wildtier nicht an, um mögliche Infektionen oder Verletzungen zu vermeiden. Überlassen Sie das Tier der Polizei oder dem Jagdpächter.
  6. Zeugen suchen: Sprechen Sie eventuelle Zeugen des Unfalls an und notieren Sie deren Personalien und Kontaktdaten.
  7. Versicherung informieren: Melden Sie den Wildunfall möglichst zeitnah Ihrer Versicherung und halten Sie alle relevanten Unterlagen bereit.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Im Folgenden beantworten wir einige häufig gestellte Fragen zum Thema Wildunfall:

Welche Tiere gelten als Wildtiere im Sinne des Jagdrechts?

Wildtiere sind alle wildlebenden Tiere, die dem Jagdrecht unterliegen. Dazu zählen unter anderem Rehe, Hirsche, Wildschweine, Füchse, Hasen, Dachse und Marder. Nicht dazu gehören beispielsweise Haus- und Nutztiere, Wildvögel oder geschützte Tierarten.

Wer haftet bei einem Wildunfall?

Die Haftung bei einem Wildunfall kann von verschiedenen Faktoren abhängen, wie beispielsweise dem Verhalten des Autofahrers, dem Zustand der Straße oder der Verkehrssicherungspflicht des Jagdausübungsberechtigten. In vielen Fällen haftet der Jagdpächter für die durch Wild verursachten Schäden, aber auch die Straßenbaubehörde oder der Fahrer selbst können unter bestimmten Umständen zur Verantwortung gezogen werden.

Was ist der Unterschied zwischen Haarwild und Federwild?

Der Begriff Haarwild bezeichnet alle wildlebenden Säugetiere, die dem Jagdrecht unterliegen, wie beispielsweise Rehe, Hirsche und Wildschweine. Federwild hingegen umfasst alle wildlebenden Vögel, die dem Jagdrecht unterliegen, wie beispielsweise Fasane, Enten oder Gänse.

Wann zahlt die Teilkaskoversicherung bei einem Wildunfall?

Die Teilkaskoversicherung kommt in der Regel für die Schäden am eigenen Fahrzeug auf, die durch einen Zusammenstoß mit Haarwild entstanden sind. Schäden durch Federwild oder durch das Ausweichen vor einem Wildtier werden meist nur dann erstattet, wenn der Versicherungsvertrag dies ausdrücklich vorsieht.

Wie verhalte ich mich bei einem Wildwechsel?

Bei einem Wildwechsel sollten Sie sofort die Geschwindigkeit reduzieren und bremsbereit sein. Achten Sie auf die Straße und den Straßenrand, um rechtzeitig auf auftauchende Wildtiere reagieren zu können. Betätigen Sie gegebenenfalls die Lichthupe, um das Wild zu verscheuchen. Sollte ein Zusammenstoß unvermeidbar sein, ist es besser, das Fahrzeug geradeaus zu lenken und zu bremsen, anstatt abrupt auszuweichen, um nicht die Kontrolle über das Fahrzeug zu verlieren oder andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden.

Welche gesetzlichen Meldepflichten bestehen bei einem Wildunfall?

Bei einem Wildunfall sind Sie verpflichtet, die Polizei zu informieren. Die Beamten nehmen den Unfall auf und verständigen gegebenenfalls den zuständigen Jagdpächter. Das unterlassene Melden eines Wildunfalls kann als Unfallflucht gewertet werden und strafrechtliche Folgen nach sich ziehen.

Welche Fristen gelten bei der Schadensmeldung an die Versicherung?

Die Fristen für die Schadensmeldung an die Versicherung sind in den jeweiligen Versicherungsbedingungen festgelegt. In der Regel sollten Sie den Wildunfall jedoch möglichst zeitnah, am besten innerhalb einer Woche, bei Ihrer Versicherung melden, um mögliche Leistungskürzungen zu vermeiden.

Abschließend ist festzuhalten, dass ein Wildunfall rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen kann und es wichtig ist, die gesetzlichen Grundlagen, aktuelle Gerichtsurteile sowie Versicherungsaspekte zu kennen. Bei Unsicherheiten oder Fragen zu diesem Thema empfiehlt es sich, einen erfahrenen Rechtsanwalt zu Rate zu ziehen, um bestmöglich abgesichert zu sein.

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